Autorin Corinna Stremme 

Ideen-Stifterei

Henri und der blaue Pinguin Erzählung von Corinna Stremme, Illustrationen und Titelidee von Sandy Thissen 

Das geht ja momentan wie am Fließband, werdet ihr denken. Ich bin nicht Schuld, sondern die tollen Illustratorinnen wie Sandy Thissen, die mich mit ihren Zeichnungen und Ideen anstecken. Das muss der Schreib-Virus sein. Die einzige Krankheit, an der man erkranken mag. 

Das Cover von "Henri und der blaue Pinguin" stand zuerst, der Titel auch. So schreibe ich ja am liebsten, dann ist Kopfkino im Grunde von Anfang an vorprogrammiert. Es flatterten noch drei weitere Illus über Facebook herein und die Erzählung war plötzlich da. 

Es mag niemanden verwundern, der mich kennt, dass diese Erstlese-Geschichte im Kern eine Inklusions-Geschichte ist. Sie ruft Kinder wie Henri dazu auf hinzuschauen und Menschlichkeit und Gefühl zu bewahren. Denn anders sein muss gar nicht wehtun, es ist nur anders:

Henri liebt Pinguine und geht jeden Sonntag mit seiner Mutter und seiner Schwester Luna in den Zoo. Die anderen Tiere lassen ihn kalt, aber die Pinguine ziehen ihn magisch an. Er kennt sie alle, doch der blaue Pinguin ist neu. Und unbeliebt. Und wird verletzt. Mit Absicht. 

Das schockiert Henri zutiefst und lässt ihn nicht mehr los. Also beschließt er, den blauen Pinguin zu kidnappen. 

Die beiden werden dicke Freunde.

Erst als der Zoo vom Verbleib des Pinguins Wind bekommt, geraten Henri und Blue in eine Zwickmühle. 

Leseprobe aus "Henri und der blaue Pinguin"

"„Henri, Heeenriiii“, rief seine Mutter unzählige Male. Aber Henri wollte nicht nach Hause. Er beobachtete Pinguine: seine Lieblingstiere.

Jeden Sonntag kamen sie hierher, und jeden Sonntag bewegte er sich eine Stunde lang nicht von der Stelle. Putzig fand er sie an Land und wendig und elegant unter Wasser. Ehrlich gesagt bewegte er sich manchmal doch ein paar Meter die Treppe hinunter. Seitdem der Zoo umgebaut worden war, konnte man den Pinguinen beim Tauchen zusehen. Früher hatten sie nackte Betonplatten gehabt, das hatte Henri sehr traurig gemacht. Grauer, hässlicher Beton! Aber das war so nicht mehr. Jetzt hatten die Pinguine Platz und ein vereistes wunderschönes Außengelände. Artgerecht sollten sie jetzt gehalten werden. Das fühlte sich gut an. Das hatten die Pinguine in Henris Augen wahrlich verdient.

„Ich will aber ein Eis“, nörgelte Henris kleine Schwester Luna zu seiner hellen Freude. Wenn seine Schwester sich etwas in den hitzigen Kopf gesetzt hatte, dann hatte die Mutter schon verloren, und er gewann weitere zwanzig Minuten.

„Na, gut“, knickte seine Mutter wie erwartet ein, „Henri, wir holen dich in einer halben Stunde hier ab. Du hast ja sowieso schon wieder Wurzeln geschlagen.“ Als sie das sagte, strich sie ihm liebevoll über den Kopf und verschwand mit Luna in Richtung Eiswagen.

Henri bemerkte sie gar nicht mehr, was er aber bemerkte, war ein Pinguin, den er nicht kannte. Er kannte eigentlich AL-LE Pinguine hier im Zoo, ihre Eigenarten, seit wann sie hier lebten, ob sie hier geboren waren oder aus einem anderen Zoo umgesiedelt worden waren. In Gedanken gab er ihnen Namen. Da hinten, das war Black, weil er mehr schwarz als weiß war. Da drüben stand Snowwhite, dabei war sie natürlich nicht gänzlich weiß. Aber sie war so unschuldig, da passte es irgendwie. Träumer, schimpfte ihn sein Vater manchmal liebevoll.

Omama hatte verraten, dass Papa auch ein kleiner Träumer war, als er Henris Alter hatte.

Also war das eigentlich ein Kompliment oder wie das hieß.

Etwas war komisch mit dem neuen Pinguin, dachte Henri mit einem Mal: Er war genauso groß wie die anderen, das konnte es nicht sein.

Die anderen standen nicht in seiner Nähe, sie schienen ihm irgendwie feindlich gesonnen und hatten ihn umzingelt.

Konnte das wahr sein?

Und da! Unbemerkt von anderen Zoobesuchern warf doch tatsächlich Black einen toten stinkenden Fisch nach dem Neuen.

Er musste neu sein, denn er war königsblau. Blue taufte Henri ihn augenblicklich in Gedanken und er tat ihm schrecklich Leid. Naja, Black war der Chef im Ring der Pinguine, er hatte die anderen deutlich im Griff, das war gefühlt schon immer so. Aber gemein war er sonst nicht. 

So schnell der Angriff gekommen war, so schnell war die Situation vorüber und der blaue Pinguin hatte sich zurückgezogen und in einem der Iglus versteckt. Jedenfalls war er nirgends mehr zu sehen. Und sobald Blue nicht mehr zu sehen war, entspannten sich die anderen und benahmen sich, wie Henri sie kannte. Als hätte er die Szene nur geträumt.

Tage später dachte Henri noch immer an den blauen Pinguin und wie die anderen ihn nicht in ihrer Mitte haben wollten. Das Bild des traurigen wunderschönen blauen Pinguins ging ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf. Okay, die Pinguine gingen ihm NIE aus dem Kopf, aber jetzt machte der Gedanke an sie ihn das erste Mal im Leben traurig."